Text & Klang – Lyrik, Prosa, Konzepte, Performances, elektroakustische Improvisation

Nur ein Künstler kann den Sinn des Lebens erraten.
Novalis – Fragmente

{Christian Schloyer auf der 'Rampenschweinerei' in Fürth, Juli 2016}

Leben ist wie luzides Träumen, man lebt obwohl man weiß, dass man lebt.
Christian Schloyer – fragmentiert

Aktuelle Projekte

Aktuelles Klang-Lyrik-Aufführungsprojekt [Mai 2018]

Eine „Luftnummer“ zum Dichterabend #5, Berliner Poesie-Festival: Synästhetisches Klang-Erlebnis mit den vier Hyperschallkunstflugzeugen Swantje Lichtenstein, Kinga Tóth, Michael Ammann und Christian Schloyer. Am Mittwoch, den 30. Mai 2018, 21:30 Uhr in einem Quadrophoniefeld in der Akademie der Künste. Unterstützt vom Landesamt für Flüchtlingsangelegenheiten.

Aktuelles Klang-Lyrik-Buch-Projekt [unvollendet, unveröffentlicht]

Derzeit auf Marsreise. „Ich“ blickt zurück auf die Erde und ihre Apokalyptischen Reiter (Umweltvernichtung, Kapitalismus, Faschismus, Nationalismus). Hier oben (oder unten) ist nichts besser, aber vieles ist anders. Du fragst, welchen Weg ich gehe? Ich entscheide, also bin ich … noch ein wenig. Ich bin! So viel Utopie muss sein.

Vorangehendes Klang-Lyrik-(Grafik-)Buch-Projekt [erschienen August 2017]

 JUMP ’N’ RUN! Stell dir vor, du bist ein Computerspiel. Anstelle von neuronalen Nerven-Impulsen sind’s Algorithmen, die dein Bewusstsein befeuern. Bei jedem Mal Lesen ist alles anders. Es ist ein Spiel von heiterer Verzweiflung. Wir wandern ab aus der „gated community” ins „mutiergehege“. Wir tauchen von der „testumgebung im himmel“ hinab ins „taufbecken mit marianengraben“. Nur eines ist sicher: dein GAME OVER.

Warum Lyrik und Klangkunst?

Kompliziert! Warum wir dem, was wir nicht verstehen, misstrauen

Wir kennen die Gedichtinterpretation aus der Schule. Dort haben wir gelernt, uns dumm vorzukommen, wenn wir etwas nicht verstehen. Heute wird viel auf vermeintlich dumme Menschen geschimpft. Insbesondere, wenn sie rechten Volksverhetzern auf den Leim gehen.

Misstrauen gegenüber Sprache ist angebracht! Überall dort, wo Menschen in Angst und Hass gepfercht werden, wo sie instrumentalisiert werden mittels gehässiger Vereinfachung, Polarisierung, Relativierung, Lüge und Verdrehung von Fakten. Aber auch, wo Menschen mithilfe unverständlicher, mit fachsprachlichen Codes durchsetzter Sprache eingeschüchtert und ausgeschlossen werden, wo künstliche „Komplexität“ vor allem der Verschleierung von Übervorteilung dient, der Rechtfertigung für amoralisches Handeln.

Herrschaftssprache

Größtes Misstrauen also hinsichtlich der Sprache rechter Hetzerinnen und Hetzer (welche erneut die Barbarei eines fremden-, frauen-, armen- und geistesfeindlichen National-Faschismus vorantreiben)! Ebensolches Misstrauen gegenüber der Sprache der Wirtschaftsautoritären (für die Globalisierung ein moralfreier Spielplatz ist: für Gewinnmaximierung, Ausbeutung, Gesundheits- und Umweltzerstörung)!

In beiden Fällen agieren verantwortungslose Eliten, die Sprache als Manipulations- und Herrschaftsinstrument einsetzen … bis hin zur Kriegstreiberei. In beiden Fällen – dort, wo Sprache es sich zu einfach macht und Hass erzeugt und dort, wo sie komplexe Willkür zur unabänderlichen Realität erklärt – muss Sprache hinterfragt und delegitimiert werden.

Politisches Gedicht versus unverständliches Gedicht

Wenn dem so ist: Warum entscheide ich mich dann für eine (allzu offensichtlich abgehobene!) Form der poetischen Kunst, in der Sprache offenbar keine Fakten abbildet? Sondern gar Realität verdreht oder künstlich erzeugt, Wahrnehmung verändert (womöglich sogar manipuliert) und in großen Teilen derart vieldeutig und unverständlich ist, dass selbst Germanistinnen und Feuilletonisten keinen einfachen „Schlüssel“ für einen verständigen Zugang finden?

Die pathetische Antwort hierauf: Weil es mir darum geht, Sprache (wenigstens im Moment ihres Kunst-Seins) zu befreien! Befreien – wovon? Davon, jemanden überzeugen, manipulieren, beherrschen zu müssen. Also einer anderen Person Interessen unterschieben zu wollen, die mitunter gar nicht deren Interessen sind (oder sein sollten).

Obwohl ich ein sehr politischer Mensch bin, bleibe ich argwöhnisch gegenüber Kunst, die politisch agiert – die Sprache in erster Linie einsetzt, um Menschen zu beeinflussen (und sei die Künstlerin, und sei der Künstler auch noch so sehr von der Richtigkeit ihres bzw. seines Anliegens überzeugt). Sprache zu nutzen, vielleicht sogar „effizient“ zu nutzen für einen kommunikativen Akt der Beeinflussung oder Aufklärung – das ist mein Weg in der Lyrik nicht.

Möglichkeitsräume: Lyrik als Erlebnis und Partizipation

Grundsätzlich geht es mir um die Demontage des „Ökonomie- und Leistungs-Filters“ im Denken und Sprechen, wonach nur das Thema sein kann, was „sich lohnt“, was sich „auszahlt“ oder irgendeiner Sache dient. Auch geht es mir um ein Infragestellen jener Illusion, Kommunikation sei im Wesentlichen nur ein (mehr oder minder verlustfreies) Übertragen von Botschaften oder Daten eines Senders an eine Empfängerin. Diese Vorstellung ist ebenso unzureichend wie der Glaube, Sprache bilde passiv und „unschuldig“ eine äußere, nichtsprachliche Realität ab (die erkenntnistheoretische Vertiefung hierzu an anderer Stelle). Dies alles aber will ich in der Lyrik weder theoretisieren noch erklären – sondern erlebbar machen.

Gedichte sind für mich geistige Erlebnisräume, in denen nicht weniger als ALLES ermöglicht wird. Bevor ich an komplexe Utopien auch nur denken kann, möchte und muss ich zunächst befähigt sein, anders zu denken. Indem Sprache zum Erlebnis wird, an dem alle teilhaben können, wird Sprache selbst „utopisch“: sie wird zum „Möglichkeitsraum“. Immer dann, wenn der Mensch Sinn (den Eigensinn der Kunst) nicht bloß nachvollzieht, sondern gestaltet, dann (und nur dann!) geht es wirklich um Freiheit in der Kunst.

Freies Assoziieren als poetische Selbstermächtigung

Nicht das autoritäre „Was will uns der Dichter damit sagen?“ ist die Frage, mit der sich (die von mir favorisierte) Lyrik „entschlüsseln“ lässt, sondern die Selbstermächtigung der Leserin und des Zuhörers: „Was tut das Gedicht mit mir – was möchte ich, dass es mit mir tut?“ Oder anders: „Welcher Film geht in mir ab, wenn ich diesen lyrischen Text lese, höre, und was sehe ich, was möchte ich darin sehen (womöglich sehe ich es ganz allein, nicht mitteilbar an andere)? Würde ich den Text weiterschreiben? Wie?“

Freies Assoziieren als Befreiung von Zwängen also, als Sensibilisierung und Impfmittel gegen Manipulation in der Sprache. Als Selbstermächtigung für befreites, befreiendes Denken – was wiederum Voraussetzung dafür ist, an Utopien zu glauben … oder (noch besser) solche mit zu gestalten. Diese Freiheit, Bild- und Geisteswelten im künstlerischen Medium zu formen und zu erleben, habe ich nicht nur in der Lyrik gefunden, sondern auch in ihrem „musikalischen Gegenstück“: in der Klangkunst.

Elektroakustische Klangkunst – Geräusch-Poesie

Klang- und Geräuschkunst hat für mich ebenso wenig mit „Musik“ zu tun, wie meine Gedichte „verständlichen Botschaften“ gleichen. Auch hier geht es mir weniger um passiven Genuss (wenngleich ich Gedichte selbstverständlich auch genieße, genau wie den bisweilen meditativen Charakter von Klangkunst) sondern erneut um Selbstermächtigung. Wenn sich „Selbstermächtigung“ auch anstrengend anhören mag, so läuft sie in der Klangkunst doch geradezu automatisch ab – praktisch anstrengungsfrei.

Kopfkino und synästhetisches Erleben

Beim Hören von elektroakustisch erzeugter Klangkunst wie ich sie (meist gemeinsam mit Künstlerfreunden) frei improvisiere – auch gattungsübergreifend im Tandem mit „Instant-Lyrik“ – bin ich konfrontiert mitunbekannten Klangobjekten (UKOs), mit klanglichen Situationen und geräuschhaften Landschaften, die mir (zunächst) fremd sind. Die ich zumindest keinem bekanntem Instrument zuordnen, die ich räumlich und hinsichtlich ihres Zustandekommens schwer verorten kann. Beim Zuhören kann das Gehirn da gar nicht anders, als wild zu assoziieren … und das Kopfkino anzuwerfen.

Und genau zu diesem „Kino der Assoziationen“, zu einem Synästhesie-Erlebnis von Bildern im Ohr und Klängen im Kopf, möchte ich meine Zuhörerinnen und Zuhörer einladen. Mir geht es so, dass sich klang-induziert Horizonte und Szenarien in mir auftun, die ich dann nur noch protokollieren muss – und schon habe ich das Grundgerüst (oder wenigstens einen reichen „Bilder-Steinbruch“) für ein Gedicht. Vielleicht geht es Dir, geht es Ihnen ja ähnlich?

Wortklangbilder

Klang tut im Moment der Improvisation bereits das, was im Gedicht später erzeugt wird. Lyrik nutze ich letztlich (auch) zur bildhaften Fixierung und Vertiefung von Klangwelten – um in den Facetten der Sprache Möglich- und Wirklichkeiten ineinander zu spiegeln.

Christian Schloyer: Vita & Bibliographie

Der Nürnberger Text- und Klangkünstler Christian Schloyer ist schwerpunktmäßig in der Lyrik, in der Lyrik-Performance und im elektroakustischen Improvisationsspiel aktiv. Seine Leidenschaft gilt vor allem der kunstgattungsübergreifenden, synästhetischen Arbeit mit dichterischen Texten. Außerdem versucht er sich als Autor von Kinderbüchern sowie einer Fantasy-Trilogie. Im Brotberuf ist er freier Werbetexter und Kommunikationsberater.

Geboren 1976 in Erlangen, verbrachte er seine Schulzeit in Nürnberg und Gunzenhausen. In Erlangen studierte er Philosophie, Neuere Deutsche Literatur, Theater- und Medienwissenschaften und rief 2000 die Textwerkstatt und Autorengruppe „Wortwerk Erlangen / Nürnberg“ ins Leben, deren Mitglied er bis heute ist.

Der Schriftsteller ist Mitbegründer und seit 2012 erster Vorstand von „LiteraturDing e.V.“ (Förderverein in Nürnberg für Gegenwartsliteratur, gegründet 2010), wo er u.a. die „LYRIKNACHT“ verantwortet. Außerdem ist er Mitinitiator zahlreicher Literaturprojekte.

Schloyer gehörte den Redaktionen der Literaturzeitschriften „Laufschrift“ und „BLUMENFRESSER“ sowie der Künstlergruppe „falschtechst-schlachtfest“ an. Er engagierte sich in der Jury für den Literaturpreis der Nürnberger Kulturläden (2007–2015) und war 2006–2012 Mitglied im Verband Deutscher Schriftsteller. 2007 wurde Schloyer in der deutschsprachigen Lyrikszene schlagartig bekannt, als er, bis dato ohne eigene Veröffentlichung, in Darmstadt den Leonce-und-Lena-Preis gewann.

Einzelveröffentlichungen

  • Im Herbst 2007 erschien das vielbeachtete Lyrikdebüt „spiel · ur · meere“ bei Kookbooks, Berlin. (mehr …)
  • Im Frühjahr 2012 wurde Schloyers zweiter Gedichtband veröffentlicht: „panik · blüten“, Poetenladen Verlag, Leipzig. (mehr …)
  • Zuletzt (August 2017) erschien im gleichen Verlag der dritte Band: „JUMP ’N’ RUN“, ein „poetisches Retro-Computerspiel in Gedicht- und Buchform.“ (mehr …)

Projekte (Auswahl)

  • 2008 „Troia ist tiefer“
  • 2010 „Projesie-Prosajekt“
  • 2010 „1. Nürnberger Lyriknacht“
  • 2011 „2. Nürnberger Lyriknacht“
  • 2013 „Zettelkastens Traum“
  • 2015 „LYRIKNACHT 2015“ (mehr …)
  • 2015 „LiterraForming“ (mehr …)
  • 2017 „LYRIKNACHT 2017“ (mehr …)
  • 2018 „Hyperschallkunstflugzeugen“ (mehr …)

Als Schriftsteller erhielt Schloyer bisher folgende Auszeichnungen:

  • 2003 Förderpreis „Lyrik“ der Nürnberger Kulturläden
  • 2004 Erster Preisträger des 12. Open Mike, Berlin
  • 2007 Leonce-und-Lena-Preis, Darmstadt
  • 2008 Aufenthaltsstipendium des Berliner Senats im Literarischen Colloquium Berlin
  • 2009 Preis beim Literaturwettbewerb Wartholz, Reichenau a. d. Rax in Österreich
  • 2009 Kulturförderpreis für Literatur der Kulturstiftung Erlangen
  • 2011 Förderpreis zum August-Graf-von-Platen-Preis, Ansbach
  • 2013 Bayerischer Kunstförderpreis in der Sparte Literatur
  • 2015 Einladung zur Autorenwerkstatt Prosa, Literarisches Colloquium Berlin
  • 2015 Stipendium der Stadt Nürnberg
  • 2016 Lyrikpreis München
  • 2017 Stadtschreiber in Tübingen
  • 2018 „Carte Blanche“ zum 19. poesiefestival berlin, Haus für Poesie Berlin